
Rohbaumwolle wird nach dem Egrenieren in Ballen gepresst und gehandelt. In vielen Erzeugerländern werden Ballen oder Partien heute instrumentell geprüft. Die Messwerte beschreiben, was in der Spinnerei aus der Faser werden kann. Wer Garn einkauft, muss diese Werte nicht selbst bestimmen. Sie helfen aber zu verstehen, warum ein feines Compactgarn eine andere Baumwolle braucht als ein grobes Open-End-Garn und warum zwei Garne gleicher Nummer unterschiedlich laufen.
HVI: die Standardprüfung
HVI steht für High Volume Instrument. Diese Prüfanlagen messen in kurzer Zeit die wichtigsten Fasereigenschaften einer Probe. Die Werte bilden die Grundlage der Klassierung im Rohbaumwollhandel.
| Kennwert | Einheit | Bedeutung |
|---|---|---|
| UHML (Upper Half Mean Length) | mm oder inch | mittlere Länge der längeren Hälfte der Fasern |
| UI (Uniformity Index) | % | Verhältnis mittlere Länge zu UHML, Maß für Längengleichmäßigkeit |
| SFI (Short Fibre Index) | % | Anteil kurzer Fasern |
| Strength | g/tex | Bündelfestigkeit der Fasern |
| Micronaire | ohne Einheit | Luftdurchlässigkeit, kombiniert Feinheit und Reife |
| Rd und +b | – | Helligkeit und Gelbstich |
| Trash | % Fläche, Anzahl | sichtbare Fremdbestandteile |
Ergänzend gibt es Einzelfaserprüfungen wie AFIS. Sie messen unter anderem Nissen je Gramm, den Kurzfaseranteil nach Anzahl und Gewicht sowie die Reife. AFIS-Werte sind genauer, aber aufwendiger und eher in der Spinnerei als im Rohstoffhandel üblich.
Stapellänge und Gleichmäßigkeit
Die Stapellänge ist die wichtigste Eigenschaft für die erreichbare Garnfeinheit. Im Garnquerschnitt braucht es eine Mindestzahl an Fasern, damit das Garn zusammenhält. Lange Fasern binden sich über mehr Windungen ein, das Garn wird fester und gleichmäßiger, und es lassen sich feinere Nummern spinnen.
| Klasse | Stapellänge | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| kurz | unter ca. 25 mm (unter 1 inch) | grobe Garne, Open-End |
| mittel | ca. 25–28 mm (1 bis 1 1/8 inch) | kardierte Ringgarne, Open-End |
| lang | ca. 28–35 mm (1 1/8 bis 1 3/8 inch) | gekämmte Ring- und Compactgarne |
| extralang (ELS) | über ca. 35 mm (über 1 3/8 inch) | sehr feine gekämmte Garne und Zwirne |
Ebenso wichtig wie die Länge selbst ist ihre Verteilung. Ein niedriger UI und ein hoher SFI bedeuten viele Kurzfasern. Kurzfasern werden im Streckwerk schlecht geführt, erhöhen die Ungleichmäßigkeit und stehen als Haare aus dem Garn. Die Folgen zeigen sich in CVm %, Imperfektionen und Haarigkeit. Wie diese Werte gemessen werden, erklärt der Artikel Garnprüfung und Uster-Werte.
Micronaire und Reife
Der Micronaire-Wert entsteht, indem Luft durch einen Faserpfropfen definierter Masse gedrückt wird. Feine oder unreife Fasern bieten mehr Oberfläche und mehr Widerstand, der Wert sinkt. Micronaire ist damit keine reine Feinheitsangabe, sondern eine Mischung aus Feinheit und Reife.
Im US-Klassiersystem gelten Werte von 3,7 bis 4,2 als Premiumbereich. Der Basisbereich reicht von 3,5 bis 4,9. Für Werte unter 3,5 und ab 5,0 gibt es Preisabschläge.
- Zu niedriger Micronaire deutet oft auf unreife Baumwolle hin. Unreife Fasern haben dünne Zellwände, knicken leicht, verschlingen sich zu Nissen und nehmen Farbstoff schlechter auf. Nach dem Färben zeigen sie sich als helle Punkte.
- Zu hoher Micronaire bedeutet grobe Fasern. Im Querschnitt liegen weniger Fasern, die Garnfestigkeit sinkt, feine Nummern werden schwierig.
Die Reife beschreibt, wie stark die Zellwand der Faser ausgebildet ist. Sie wird als Reifegrad oder als Anteil unreifer Fasern angegeben. Für den Garnkäufer ist sie vor allem ein Hinweis auf Nissenneigung und Färbeverhalten.
Faserfestigkeit
HVI misst die Festigkeit eines Faserbündels in g/tex. Das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) teilt die Werte in Klassen ein:
| Klasse | g/tex |
|---|---|
| weak (schwach) | 23 und weniger |
| intermediate (mittelmäßig) | 24–25 |
| average (durchschnittlich) | 26–28 |
| strong (stark) | 29–30 |
| very strong (sehr stark) | 31 und mehr |
Die Faserfestigkeit setzt sich nicht eins zu eins ins Garn um. Die Garnfestigkeit hängt zusätzlich von Länge, Feinheit, Spinnverfahren und Drehung ab. Bei gleicher Faser liefert ein Compactgarn mehr Festigkeit als ein Open-End-Garn, weil die Fasern besser eingebunden sind. Mehr dazu in den Artikeln Spinnverfahren und Garndrehung.
Farbe, Trash und Stickiness
Farbe: Rd beschreibt die Helligkeit (Reflexion), +b den Gelbstich. Daraus ergibt sich der Farbgrad. Gelbliche oder graue Baumwolle kann auf Witterungseinflüsse vor der Ernte hindeuten und wirkt sich bei rohweißer und hell gefärbter Ware aus.
Trash und Blattgrad: Reste von Blättern, Kapselhüllen und Stängeln werden optisch erfasst. Viel Trash bedeutet mehr Reinigungsaufwand in der Spinnerei, mehr Abfall und das Risiko von Schalenresten im Garn.
Stickiness: Klebrige Baumwolle enthält Zuckerbeläge, meist Honigtau von Insekten. Sie verklebt Walzen und Streckwerke und führt zu Fadenbrüchen. Für den Garnkäufer zeigt sie sich indirekt in schwankender Qualität.
Fremdfasern, etwa Polypropylen aus Ernteverpackungen, gehören nicht zur HVI-Messung, sind aber eine bekannte Fehlerquelle. Sie färben anders als Baumwolle und fallen im fertigen Stoff auf.
Kardiert oder gekämmt
Jede Baumwolle wird in der Karde aufgelöst, gereinigt und parallelisiert. Bei kardierten Garnen geht das Band danach direkt zum Strecken und Spinnen. Für gekämmte Garne folgt die Kämmmaschine. Sie kämmt Kurzfasern, Nissen und restliche Verunreinigungen aus. Dieser Abgang heißt Kämmling und macht je nach Ziel rund 12 bis 25 % der eingesetzten Fasermasse aus.
Gekämmte Garne sind gleichmäßiger, glatter, fester und weniger haarig. Sie erlauben feinere Nummern und ein klareres Warenbild. Der Kämmling wird nicht weggeworfen, sondern unter anderem in Open-End-Spinnereien weiterverarbeitet.
Welche Faser für welches Garn
- Open-End-Garne in groben Nummern kommen mit kürzeren Fasern und höherem Kurzfaseranteil zurecht. Gleichmäßigkeit und Sauberkeit der Mischung zählen hier mehr als maximale Länge.
- Kardierte Ringgarne brauchen mittlere Stapellängen mit gutem UI.
- Gekämmte Ring- und Compactgarne in feinen Nummern setzen lange Fasern mit guter Festigkeit und passendem Micronaire voraus.
- Sehr feine Garne und Zwirne werden aus extralangstapeliger Baumwolle gesponnen, etwa Pima oder ägyptischen Sorten.
Giza-Baumwolle ist ein Sammelbegriff für ägyptische Sorten, die mit „Giza“ und einer Nummer bezeichnet werden. Je nach Sorte handelt es sich um Lang- oder Extralangstapel-Baumwolle. Sie wird für feine, glänzende Garne eingesetzt.
Organic Cotton bezeichnet Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau. Das sagt etwas über den Anbau, nicht über die technischen Faserwerte. Der Nachweis erfolgt über Standards wie GOTS oder OCS, siehe Zertifikate im Garnhandel.
Regenerated oder Recycled Cotton wird aus aufgelösten Textilabfällen gewonnen. Die zurückgewonnenen Fasern sind meist kürzer und werden oft mit Neufasern gemischt, typischerweise zu gröberen Garnen.
Baumwollqualitäten bei Bergfeld
Das Bergfeld-Sortiment reicht von groben Open-End-Garnen ab Ne 5/1 bis zu gekämmten Compact-Garnen bis Ne 200/1. Dazu kommen Garne aus Giza-Baumwolle, aus Bio-Baumwolle und aus recycelter Baumwolle. Die Garnqualitäten werden von Fachberatern an Ihre Produktspezifikation angepasst.